Exposé
1978 wurde das Auftragswerk des Komponisten Günter Kochan “Sieben Orchesterstücke” vom semiprofessionellen Sinfonieorchester des ehemaligen VEB Chemiekombinat Bitterfeld uraufgeführt. Es war bereits das dritte und zugleich letzte Auftragswerk für dieses Orchester. Eine Publikation gab es bisher darüber noch nicht. Der Autor selbst hat als damaliger Musikschulabsolvent an den Proben im Kulturpalast Bitterfeld und der Uraufführung teilgenommen. Inspiriert durch eine Ausstellung zur Kulturepoche des Bitterfelder Weges und den zugehörigen Begleitband (ISBN 978-3-96311-648-3, Mitteldeutscher Verlag 2022), in dem dieses Auftragswerk erwähnt wird, hat er sich entschlossen, auch auf Anraten der Historikerin des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, Frau Dr. Katja Münchow, seine damaligen Erlebnisse aufzuschreiben. Es wird wohl kaum jemand mit dem Industriestandort Bitterfeld ein musikhistorisches Ereignis in Verbindung bringen, sodass der Autor mit seinem Erlebnisbericht und den mehr als zweijährigen Recherchen rund um dieses Auftragswerk nicht nur dieses Ereignis würdigen, sondern auch für die Nachwelt erhalten möchte.
In einer kurzen Rahmenhandlung beschreibt er seinen Besuch der Vernissage der o. g. Ausstellung in der Bitterfelder Musik-Galerie an der Goitzsche im September 2023, in der er nach fast fünfzig Jahren zum ersten Mal wieder auf dieses Auftragswerk des Chemiekombinates Bitterfeld an den renommierten DDR-Komponisten Günter Kochan stößt, das damals den Arbeitstitel “Bilder aus dem Kombinat” erhalten hatte, darunter jedoch nie veröffentlicht wurde. Es handelt sich um eine dodekaphonische Orchestersuite, bestehend aus sieben einzelnen Orchesterstücken, in denen, ähnlich der “Bilder einer Ausstellung” von Modest Mussorgski, der Komponist Bilder aus den Bitterfelder Volkskunstkollektiven um Bernhard Franke und Walter Dötsch “vertont”, wobei er dieses Verb selbst nicht verwenden wollte. In dieser Ausstellung macht der Autor interessante Bekanntschaften, die ihn legitimieren, einige Wochen später den Kulturpalast Bitterfeld nach über dreißig Jahren wieder besuchen zu dürfen, dessen Spielbetrieb vor knapp zehn Jahren eingestellt wurde und derzeit geschlossen ist. Hier findet er rein zufällig die ersten beiden, bisher unveröffentlichten Auftragswerke für das Orchester und empfindet diesen Fund als kleine Sensation.
Die Haupthandlung beginnt mit seiner Musikschulausbildung und nach deren erfolgreicher Beendigung mit dem Start im September 1976 als zweiter Geiger im Sinfonieorchester des VEB Chemiekombinat Bitterfeld. Es ist zugleich das Entstehungsjahr der Komposition und er wurde bereits in den ersten Proben mit dieser ungewöhnlichen zeitgenössischen Musik konfrontiert, die nicht nur ihm, sondern auch den gestandenen Orchestermitgliedern alles abverlangte. Ein despotisch auftretender Kapellmeister, der mit eiserner Disziplin den Taktstock schwang, trieb alle Musiker zu Höchstleistungen, denn die Uraufführung dieses ziemlich schräg klingenden und schwer zu spielenden Werkes war für die 17. Arbeiterfestspiele Ende Juni 1978 in Sonneberg geplant. Auf dem Weg dorthin lagen viele Stolpersteine, die manches Mal unüberwindlich zu sein schienen. Es wurden jedoch weder Kosten noch Mühen gescheut, um dieses Ziel zu erreichen. Trotz der DDR-Mangelwirtschaft erreichten manche Maßnahmen teils skurrile Ausmaße. Dazu gehörten bezahlte Freistellungen von der Arbeit, aber auch von der vormilitärischen Ausbildung, maßgeschneiderte Orchesterkleidung, Taxifahrten nach langen Probenabenden auf Kosten des Chemiekombinates sowie unterstützende Berufsmusiker aus der Leipziger Musikalischen Komödie.
Fünf der sieben Orchesterstücke tragen die Namen von Gemälden der Malzirkel des Chemiekombinates und werden in zwei Orchesterstücke, “Landschaft I” und “Landschaft II”, eingebettet. Die Musiker machten ihre Späße über diese seltsamen Bezeichnungen, denn jeder wusste um die Bedeutung Bitterfelds als dreckigsten Ort Europas. Die Titel der fünf Gemälde sind aber ebenfalls alles andere als charakteristische Bilder aus dem Kombinat, so fanden sie es wenigstens: “März 1920”, “Blumen”, “Alarm”, “Moskauer Kinder” und “Zirkusclown”. Jegliche sarkastische Diskussion darüber wurde vom Kapellmeister im Keim erstickt. Die Musiker hatten keine Ahnung von der bildenden Kunst und die Maler selbst werden wohl von der musikalischen Interpretation ihrer Schöpfungen auch nichts gewusst haben. Als dann der stellvertretende Konzertmeister vorschlug, die Bilder während der Aufführung zu zeigen, rastete der Kapellmeister buchstäblich aus: “Bei welchem Sinfoniekonzert werden denn auch noch Bilder gezeigt”, und so haben damals Bilder und Musik nie zusammengefunden. Erst während der Niederschrift seiner Erlebnisse hat der Autor nach diesen Bildern geforscht und erstaunliche Erkenntnisse darüber gewonnen, die er in die Haupthandlung hat mit einfließen lassen.
Der Titel “Bilder aus dem Kombinat – eine Werksgeschichte” kann auch im eigentlichen Sinne verstanden werden und so beschreibt er neben der Schilderung der musikalischen Probenarbeit am Werk Kochans auch eigene Bilder des Chemiekombinates, die er aus jener Zeit in Erinnerung behalten hat.
Nach knapp zweijähriger intensiver Probenarbeit wurde dann Kochans Auftragswerk insgesamt dreimal gespielt und jedes dieser Konzerte wurde als Uraufführung “verkauft”. Danach geriet es in Vergessenheit, bis es der Autor in der Ausstellung zum Bitterfelder Weg wiederentdeckte.
Die Geschichte um diese drei Uraufführungen nimmt er zum Anlass, auch die Geschichte des Bitterfelder Sinfonieorchesters im Allgemeinen zu beleuchten und blickt deshalb im Epilog auf das Wendejahr 1990 zurück, in dem die Ära dieses bedeutenden Klangkörpers auf unrühmliche und schmachvolle Weise endete.
Der Geschichte folgt ein Anhang mit Danksagung, Zeittafel, Lebensläufen der vier Kapellmeister, Rezension der drei Auftragswerke und einem Personenregister.
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